Menu
Menü
X
godblessyougodblessyou
godblessyou

„God Bless You!“

Liebe Leserinnen und Leser!

An der Mittelpunktschule in Frickhofen hing vor den Sommerferien ein in regenbogenfarben schillerndes Plakat. „God Bless You“ stand darauf – Gott segne Dich.

Regenbogenfarben drücken Lebendigkeit und Vielfalt aus. In der Bibel steht der Regenbogen vor allem für die Treue Gottes, denn er setzt ihn als Zeichen seiner Liebe nach der Sintflut in den Himmel und verspricht, dass die Welt niemals aufhören wird zu bestehen. Der Regenbogen symbolisiert somit Frieden und Neubeginn, er steht aber auch für Vielfalt und Toleranz unseres bunten Lebens, besonders und auch in Bezug auf die sexuelle Orientierung.

Bei diesem Plakat „God Bless You“ handelte es sich um ein Statement der Jugendeinrichtungen des Bistums Limburg zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. So kann man auf der Internetseite der Jugendkirche Limburg lesen: „Wir glauben daran, dass Gott alle in ihrer Vielfalt liebt. Diese Grundhaltung der bedingungslosen Liebe Gottes und unvoreingenommenen Wertschätzung des Gegenübers leitet uns in unserem Handeln und Tun mit Jugendlichen und jungen Menschen. Wir vertreten die Haltung, dass das
Glaubenszeugnis aller Liebenden unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung in der Bitte nach einem Segen in besonderer Weise zum Ausdruck kommt. Dafür sind wir dankbar!“ Das ist eine klare Position, die allerdings nicht unwidersprochen blieb.

Zwar konnte man das Plakat auch an anderen Stellen hängen sehen, z.B. am Balkon der Ev. Kirche am Bahnhof in Limburg, aber es gab durchaus auch Gemeinden, die dieses Statement untersagt haben. Der Regenbogen wird zu einem Politikum, allerdings nicht nur in den Kirchen.

So wurde während der Fußball-Europameisterschaft z.B. darüber diskutiert, ob ein Fußballstadion in den Farben des Regenbogens leuchten darf, um die Toleranz gegenüber der Vielfalt der Lebensformen von uns Menschen auszudrücken. Die UEFA untersagte dies und kritisierte dieses Vorhaben als zu politisch.

Unsere Kirche hat sich schon früh mit der Bedeutung sexueller Orientierung für ihr kirchliches Handeln auseinander gesetzt. Sie vertritt die Position, dass der Segen Gottes allen Menschen gilt und die sexuelle Orientierung mit zur Geschöpflichkeit des Menschen gehört. Aus diesem Grund wurde die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare der Ehe gleich gestellt. Jedes Paar darf sich in der evangelischen Kirche trauen lassen. Diese Position ist allerdings auch in unserer Kirche umstritten. Dennoch: Der Segen Gottes gilt allen Menschen. In diesem Sinne: „God Bless You!“, „Gott segne Sie!“ Kommen Sie gut durch den
Sommer!

Ihr Johannes Jochemczyk

Mit Jesus ein Bier trinken

@ Thomas Henninger
Thomas Uecker

Liebe Leserinnen und Leser!
 
In einem gerade erschienenen Büchlein (Jonas Goebel: Jesus, die Milch ist alle, Freiburg 2021) werden auf sehr unterhaltsame Weise Geschichten erzählt, die ein Hamburger Pfarrer erlebt, nachdem Jesus und Martin Luther zu ihm ins Pfarrhaus gezogen sind. Bemerkenswert finde ich die Begründungen dafür, dass die beiden nochmal auf Erden auftauchen.
Martin Luther möchte, nach 500 Jahren, eine neue und vernünftige Bibelübersetzung anfertigen. Nachdem Gott in der Diskussion mit Martin irgendwann die Argumente ausgegangen seien, hätte er ihm dies gestattet. Jesus sollte schlichtweg ein neues Evangelium schreiben. 

Beide versuchen, sich für ihre Aufgaben neuer Medien zu bedienen. Und während Martin Luthers You-Tube-Kanal eifrig Klicks und Abonnenten  sammelt, kommt Jesus digital gar nicht gut an. Sein Wunschname (@the RealJesus) ist schon lange vergeben, Twitter will seinen Account nicht verifizieren, auf Facebook ist er so ziemlich der letzte aktive Nutzer, und von TikTok hat er sich verstört wieder abgemeldet.
„Das waren ihm zu viele zu junge zu wenig bekleidete Mädchen.“ Und nachdem ein Foto von ihm bei Instagram bloß 27 Klicks bekommt, ist Jesus richtig frustriert.

Martin Luther meint eine Erklärung für die mangelnden Rückmeldungen auf Jesu Bemühungen zu haben. Er sei einfach eher so der Offline-Typ. Und auf Jesu Nachfrage erläutert Martin: „Na ja, du bist zwar jetzt nicht die Schönheit in Person und das mit der Frisur, na ja egal. Also was ich sagen will: Die Leute lieben deine Nähe. Deine Aura. Auch wenn du eher unscheinbar bist – wenn man sich mit dir unterhält, dann gibt´s richtig so einen Klick in einem drin. Und das funktioniert online anscheinend nicht.“ Und dann geht Martin, um seine „95 Thesen wider die liberale Belanglosigkeit in der evangelischen Kirche“ zu Ende zu schreiben.

Martin Luther und eben auch Jesus werden in diesem Buch ganz alltäglich menschlich geschildert. Schnell werden sie zu Freunden des Pfarrers.„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“ heißt es in einem Lied von den Comedian Harmonists. Und tatsächlich: Freundschaft ist etwas, ohne das die meisten Menschen nicht leben können. Ein Freund ist jemand, bei dem wir unseren Liebeskummer abladen oder mit dem wir die Nächte durchfeiern.

Gleichzeitig ist nicht jeder „Freund“ wirklich mein Freund. Das haben viele von uns schon in der Schule erfahren. Denn dort galt oft: Wer am beliebtesten war oder die besten Spielzeuge hatte, hatte die meisten Freunde. Die coolen Kids scharten ihre zahlreichen „Freunde“ um sich, die sich alle um die Gunst des
Anführers bemühten.

Diese Art von Freundschaft tut nicht gut und auch Jesus verwahrt sich dagegen, wenn er den Jüngern in Johannes 15,15 zusagt: „Ich nenne euch nicht mehr Diener; denn ein Diener weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr nenne ich euch Freunde, denn ich habe euch alles gesagt, was ich von meinem Vater gehört habe.“

Auch als Sohn Gottes verlangt Jesus von seinen Jüngern keine duckmäuserische Haltung. Ganz im Gegenteil, er macht sich selbst zum Diener, wenn er in Matthäus 20,28 sagt: „Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für alle Menschen hinzugeben.“Doch was heißt es, Jesus als Freund zu haben?

An vielen Stellen berichtet die Bibel davon, wie Jesus ganz praktisch Gemeinschaft mit Menschen hatte. Wenn er ihnen was zu sagen hatte, tat er es oft beim gemeinsamen Essen. Und mal ehrlich: Wer will schon einen besten Freund, der nur in der Bibel lesen und über meinen Glauben sprechen will? Denn zu Freundschaft gehört eben auch, gemeinsam ins Kino zu gehen, ein Bierchen zu trinken oder rumzublödeln.

Übersetzt könnte das heißen, Jesus mal bewusst in den eigenen Alltag einladen: auf die Couch zum Filmabend, in die Küche zum Kochen, zum Spaziergang in den Wald.

Von Herzen
Pfarrer Thomas Uecker

Knospen springen auf ...

© Schneider
Kirschblüte

Als ich diese Zeilen schreibe, ist es Mitte Januar. Am Wochenende hat es geschneit, ein Teil des Schnees ist schon wieder geschmolzen. Heute aber ist es kalt. Die Natur ist im Winterschlaf.

Aber leider nicht nur die Natur. Zur Zeit befindet sich alles im Winterschlaf. Das öffentliche Leben ist eingestellt wo es nur geht. Und auch im Privaten erleben wir Beschränkungen, mal mehr, mal weniger. Wie es uns wohl gehen wird, wenn Sie den Gemeindebrief in den Händen halten?

Ich gehe einmal davon aus, dass die Krise im März längst noch nicht überwunden ist! Und die Sehnsucht nach normalem Leben dann nach wie vor groß ist. Ich bin aber davon überzeugt, dass das Licht am Horizont in greifbarer Nähe liegt. Alles was wir brauchen ist Geduld. Viel Geduld.

Im vergangenen Jahr haben wir uns in der Vorweihnachtszeit wie in jedem Jahr zu Ökumenischen Frühschichten – verantwortet von Sebastian Schneider und mir – im Gemeindezentrum getroffen. Auch wenn wir nur unter Coronabedingungen zusammen kommen konnten - ohne ein gemeinsames Frühstück - waren alle froh, sich treffen zu können.

Dieses Mal beschäftigten wir uns mit den Thema „Hoffnungshorizonte“. Im Zentrum standen Bilder der Künstlerin Margot Brünig. Ich verwendete für meine Gedanken ein Motiv mit dem Titel „Knospen springen auf“ und erzählte dazu die Legende von der Hl. Barbara.

Im Zusammenhang mit dieser Legende gibt es den Brauch, Kirschblütenzweige am Barbaratag (4.12.) in eine Vase zu stellen, in der Hoffnung, dass diese dann an Weihnachten blühen. Im Anschluss unserer Andacht konnte sich darum jeder einen Kirschblütenzweig mit nach Hause nehmen. Ein Teil der Zweige stammte von einer Wildkirsche vor dem Pfarrhaus in Hadamar, andere von einer Zierkirsche aus dem Pfarrgarten in Frickhofen. Was ist aus diesen Zweigen geworden?

Ich bin mir sicher, nicht alle haben sich auf dieses Experiment eingelassen. Zwei Wochen später beschwerte sich jedoch jemand aus unserer Gruppe, sie hätte den Zweig in die Vase gestellt und nichts würde passieren! Wo ich denn die Zweige her hätte und was das überhaupt für Zweige wären? Ich habe sie beschwichtigt und ihr Mut gemacht, sie solle sich noch ein wenig gedulden. (Insgeheim war ich allerdings auch nicht besonders davon überzeugt, ob aus diesen knorrigen Zweigen denn wirklich etwas werden würde).

An Silvester 2020, am letzten Tag des Jahres, bekomme ich jedoch eine Email von Sebastian Schneider, in der er schreibt: „Dieses prächtige Blütenbild wollte ich Dir nicht vorenthalten! Mit perfektem Timing hat es bis Heiligabend gedauert, dass der Barbarazweig zu blühen begann. Wunderschön!!“ Beigefügt war das Bild dieser Kirschblüte.

Diese kleine kurze Mail mit der Kirschblüte hat mich in diesem Moment wirklich berührt. Es hat auch meine Zweifel etwas zu Seite gewischt und ist mir zu einem wichtigen Bild für unsere momentane Krise geworden. Auch wenn es scheint, dass in mancher Situation nichts (Gutes) entstehen mag, man soll die Hoffnung und die Geduld nicht aufgeben.

Das wünsche ich Ihnen auch für die nächsten Wochen: Verlieren Sie nicht die Hoffnung und bewahren Sie Geduld. Mag Ihnen das Bild der Kirschblüte dabei helfen. Bleiben Sie gesund und Gott befohlen!

Ihr Johannes Jochemczyk

Weihnachten mal anders!

© Thomas HenningerKatharina Eisenreich
Katharina Eisenreich

Liebe Leserinnen und Leser!

Es ist schon eine Weile her, da stand ich in einer Kirche vor einer klassischen Weihnachtskrippe mit hübschen großen Krippenfiguren. Alle waren sie versammelt: Das Jesuskind, Maria und Josef, Ochs und Esel, die Hirten mit ihren Schafen, die drei Weisen aus dem Morgenland und ein Troll.

Äh, Moment –ein TROLL?!?!
Doch tatsächlich, inmitten der Figuren stand ein nackter kleiner Troll aus Plastik mit giftgrünen hochstehenden Haaren. „Oh, da muss sich wohl ein Kind einen Scherz erlaubt haben!“, dachte ich mir und versuchte vorsichtig den kleinen Troll aus der Krippe zu entfernen. „Hey!“, rief auf einmal eine Stimme hinter mir. „Das kannst du nicht machen, der gehört doch dazu.“ Erschrocken drehte ich mich um und guckte meinen Pfarrkollegen verdutzt an: „Er gehört dazu? Wie das?“ „Aber sicher!“, sagte er mit fester Stimme. „Das ist doch der Owi!“ „Owi?!“ Verzweifelt kramte ich in meinem Gedächtnis. In keinem der Evangelien hatte ich je etwas von einem Owi gehört. Oder war das etwa ein la-teinischer Ausdruck für irgendetwas?! Altgriechisch gar?! Im Stillen fragte ich mich, ob ich in 13 Semestern Theologiestudium vielleicht wirklich etwas Entscheidendes verpasst hatte.„Na, kennst du denn nicht das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“? Dort heißt es doch: Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, Owi lacht!“, erklärte er schmunzelnd. „Wir dachten es ist doch schön, jemanden zu haben, der sich so richtig über Gottes Sohn freuen kann! Und deswegen sitzt unser Owi hier jedes Jahr mit dabei.“

„Achja, Owi (o wie) lacht!“ Endlich hatte auch ich den Witz verstanden und konnte mitlachen. Behutsam setzte ich den kleinen Troll mit den giftgrünen Haaren zurück in die Krippe: „Ja, auch er sollte sich über das Jesuskind freuen dürfen!“[...]

Die Begegnung mit dem kleinen Troll Owi hat mir eines gezeigt: Weihnachten ereignet sich immer wieder neu und selbst dann, wenn man glaubt, schon alles über das Fest der Feste zu wissen, kann man noch vom Geist der Weihnacht überrascht werden. Manchmal ist es hilfreich, sich nicht zu sehr daran zu klammern „wie Weihnachten sein muss“, sondern mit kindlicher Offenheit und einer Prise Humor über Neues und Wundersames zu staunen. Das gilt in diesem Jahr, in dem Corona-bedingt alles anders ist, ganz besonders. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien ein fröhliches Weih-nachtsfest und einen guten Start in ein gesegnetes und wundervolles Jahr 2021!

Ihre Pfarrerin
Katharina Eisenreich

Irgendwie haben wir immer Gegenwind

© Thomas HenningerHelmi Müller
Helmi Müller

So kam es uns jedenfalls vor Jahren bei einer Radtour im Urlaub in Nieder-sachsen vor.

Kein Problem, so eine Tour, hatte ich gedacht, hier oben ist ja alles flach. Aber dann gab es Gegenwind, und ich weiß noch, wie die Beine wehtaten. Absteigen und ein Stückchen schieben? Kam nicht infrage, das ließ der Stolz nicht zu.

Nach einiger Zeit waren wir am Ziel, eine Kleinstadt, dort wollten wir zu Mittag einkehren.
Erschöpft waren wir, aber auch froh: Wir hatten es geschafft. Das Mittagessen schmeckte wunderbar. Doch dann kam die Frage: Wie wird es auf dem Rückweg sein – gibt es dann Rückenwind oder dreht der Wind und kommt uns wieder entgegen, und die Anstrengung beginnt von vorne? Oft genug hatten wir das auch schon erlebt. Aber wir hatten Glück. Die Rückfahrt war ein Kinderspiel. Der Wind, der uns vorher so zu schaffen gemacht hatte, beflügelte uns förmlich.

In der Bibel ist der Wind ein Bild für den Geist Gottes, für Gottes Kraft und sein Wirken auf uns Menschen. So wie der Wind – so weht auch Gottes Geist, unberechenbar und unbeherrschbar.
Manchmal ist er gewaltig wie ein Sturm, der alle mitreißt und manchmal ist er wie ein zarter Hauch kaum zu spüren. Manchmal weht der Geist Gottes als Gegenwind. Dann ist unser Leben mühsam. Wir meinen, auf der Stelle zu treten, arbeiten uns ab, mobilisieren alle Kräfte und kommen doch kaum vom Fleck. Wir ärgern uns, dass andere scheinbar mühelos vorwärts kommen im Leben. Sie haben den Wind im Rücken.
Manchmal weht der Geist Gottes sogar als mächtiger Gegenwind, bringt uns an den Rand unserer Kräfte und zwingt uns sogar zur Umkehr. Und das ist dann auch gut so.
Es kann aber auch sein, dass Gottes Geist ungeahnte Kräfte in uns freisetzt. Er beflügelt uns und reißt uns mit. Eine gestellte Aufgabe erscheint uns als eine Zumutung und wir fragen uns, ob wir das überhaupt schaffen können. Und am Ende staunen wir, was wir erreicht haben.
Manchmal weht der Geist Gottes als Rückenwind. Wir spüren ihn kaum, aber er treibt uns an. Ohne Mühe kommen wir voran und wundern uns, wie unsere Pläne gelingen. Vielleicht bekommen wir sogar etwas Angst vor dem Tempo, mit dem er uns treibt. Und am Ziel fragen wir uns, wie wir das eigentlich geschafft haben. Hin und wieder erleben wir Gottes Geist auch als Flaute, erholsam, eine Einladung zum Ausruhen, Atemholen; beinahe unheimlich, wenn gar nichts mehr zu spüren ist. Wenn wir nicht wissen, wie und wann es wieder zu wehen beginnt.

Wie der Wind weht Gottes Geist. Er begegnet uns, umgibt und bewegt uns. Ob er uns bremst oder beflügelt, uns unterstützt oder herausfordert, zurück –oder vorwärts treibt, ob wir ihn deutlich spüren oder kaum wahrnehmen, ob er uns dazu verlockt – wie jetzt im Sommer – die Segel zu setzen und aufzubrechen oder ob er uns Zeit lässt, auszuruhen.

Ihre Prädikantin und Küsterin Helmi Müller

Gott schenke mir Geduld, aber bitte sofort

@ Thomas Henninger
Thomas Uecker

Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, feiern wir seit sieben Wochen keine Gottesdienste in den Kirchen mehr. Die Gemeindehäuser, Restaurants und Hotels sind zu. Mit einem regulären Betrieb der Schulen und Kindergärten vor den Sommerferien ist nicht zu rechnen. Wir sollen möglichst zu Hause bleiben. Immer noch. Geduld ist gefragt. Das ist aber gar nicht so einfach. Wie lernt man das - geduldig zu sein? Den einen fällt es leichter, den anderen schwerer. Manche können es genießen, zu Hause zu sein, Zeit für den Garten, Zeit den Keller zu entrümpeln. Andere sind nur noch genervt – die Wohnung ist eng, man geht sich auf die Nerven und regt sich über Kleinigkeiten auf. Und wieder andere werden immer depressiver, weil ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Wie lange noch? Geduld ist gefragt – und das fällt uns schwer. Zumindest vielen von uns. Wir sind anderes gewohnt. Bisher war es heutzutage so, dass Wünsche schnell erfüllt wurden. Kaum bestellt, schon war es da. Alles verfügbar zu jeder Zeit an jedem Ort. Und auch Veranstaltungen – die gab es in Hülle und Fülle für jeden Geschmack, ob kulturell, kirchlich, sportlich, für Alt und Jung. Jeden Tag konnte man woanders sein. Und jetzt - Geduld müssen wir haben.

Was ist das, Geduld? Das dazugehörige Verb „dulden“ geht auf ein Wort zurück, das tragen, ertragen bedeutet. Also ist Geduld etwas tragen, auch ertragen können. Etwas tragen, das ist etwas sehr Aktives und kostet viel Kraft. Auch wenn nach außen hin Geduld haben anders wirken mag, mehr nach Nichtstun aussieht. Aber weil sich gedulden Kraft kostet, ist es kein Wunder, dass wir die jetzige Zeit anstrengend finden, obwohl viele von uns weniger tun können als sonst. Wir müssen etwas ertragen, was wir nicht gewohnt sind und nicht wollen. Geduldig sein macht Mühe und kostet Kraft.

In der Bibel wird Geduld oft erwähnt. Sie ist hier ein Zeichen von Reife und zugleich eine Frucht des Heiligen Geistes (Gal 5, 22). In den Sprüchen heißt es (Spr 14, 29): „Wer geduldig ist, der ist weise; wer aber ungeduldig ist, der offenbart seine Torheit.“

Geduld ist also eine erstrebenswerte Sache, man könnte auch sagen, eine Tugend. Im Lauf des Kirchenjahres sind Geduldsübungen verankert: Den beiden großen Festen Weihnachten und Ostern ist eine Wartezeit vorgeschaltet, die Adventszeit und die Passionszeit. Geduld ist gefragt, bevor gejubelt und gefeiert wird. Und auch schon über die Jahrhunderte hinweg müssen wir uns in Geduld üben: Das von uns erwartete große Fest am Ende der Zeiten steht noch aus. Wir müssen immer noch warten, wissen nicht Tag noch Stunde, bis Gottes wunderbares Reich für alle sichtbar anbricht.

Sich in Geduld zu üben ist nicht nur weise und eine Tugend, sondern auch eine Eigenschaft, die Gott zugesprochen wird. In der Bibel wird erzählt, wieviel Geduld Gott mit seinem Volk hat, z. B. in der Geschichte, als Mose das Volk durch die Wüste ins gelobte Land führt. Immer wieder beklagen sich die Leute und wollen am liebsten wieder umkehren, weil alles so lange dauere und mühsam ist. Und Gott bringt immer wieder die Geduld auf, noch einmal neu mit seinem Volk anzufangen.

„Barmherzig und gnädig ist Gott, geduldig und von großer Güte“ heißt es in Psalm 103 (Vers 8). Heute noch sind wir auf Gottes Geduld mit uns angewiesen, denn auf Abwege geraten immer wieder auch wir als Menschheit und als Einzelne. Wenn wir uns also in Geduld üben müssen, ist das eine Übung, die uns auf Gottes Spuren bringen kann.

Jetzt, wo Sie diese Zeilen lesen, feiern wir wahrscheinlich wieder Gottesdienste in unseren Kirchen. Allerdings durch viele Maßnahmen sehr eingeschränkt und nicht wie gewohnt. Auch da braucht es Geduld, um die Einschränkungen zu ertragen.

Vielleicht hilft dabei folgender Gedanke:
Es ist schön und gut, wenn Menschen durch Gottesdienste getröstet, angeregt und gestärkt werden.
Dennoch ist das nicht die primäre Ausrichtung von Gottesdienst. Gottesdienst ist ein Dienst für Gott.
Und für Gott ist es – da bin ich sicher – ziemlich egal, welchen Abstand wir bei dem Dienst zueinander halten oder ob wir Masken tragen oder nicht. Dass wir unseren Dienst für Gott vollziehen ist das Entscheidende.
Denn, „wo zwei oder drei in Gottes Namen versammelt sind, da …“

Ihr Pfarrer Thomas Uecker

Kein Leben ohne Krise

© Thomas HenningerKatharina Eisenreich
Katharina Eisenreich

Es gibt viele Menschen, die ich bewundere. Einer davon ist Frau P.

Frau P. engagiert sich ehrenamtlich mit so viel Leidenschaft und Herzblut für ihre Mitmenschen, dass es manchmal schon fast „übermenschlich“ wirkt: Sie hilft Grundschüler*innen bei den Hausaufgaben, gibt Sprachkurse für Geflüchtete und kümmert sich um eine ältere Dame, die nicht mehr alleine einkaufen kann. All das erledigt sie am Wochenende oder nach Feierabend - neben ihrer 40-Stunden-Woche.

„Woher nehmen Sie eigentlich die Kraft für all ihre Aufgaben?“, fragte ich sie eines Tages.

Frau P. hielt einen Moment inne und dann erzählte sie mir vom Tod ihres Sohnes. Von Zusammenbrüchen und Depressionen. Von unzähligen Therapien und Trauergruppen, die sie besucht hatte. Und irgendwann nach Jahren, da habe sie schließlich innerlich gespürt, dass sie so nicht mehr weiterleben möchte und beschlossen, dass sie die große Liebe, die sie nach wie vor für ihren verstorbenen Sohn empfindet, gerne an andere Menschen weitergeben möchte. Die Erinnerung an ihren Sohn gebe ihr jeden Tag die Kraft, die sie dazu braucht.

Bis heute ist mir ihre Geschichte in Erinnerung geblieben.

Im Laufe der Zeit erfuhr ich häufiger von Menschen, deren Werdegang von einer tiefen Krise geprägt wurde:

Der engagierte Philosophielehrer, der erst anfing nach dem Sinn des Lebens zu fragen, nachdem er in seinem alten Job fast zugrunde gegangen war.

Die Künstlerin, die als Kind die ersten Figuren töpferte, um die Trennung ihrer Eltern zu verarbeiten.

Der engagierte Sozialpädagoge, der sich mit liebevoller Strenge um Heranwachsende kümmert, weil er als Jugendlicher selbst mal auf die schiefe Bahn geraten war.

Für mich hatte die Offenheit dieser Menschen etwas sehr Entlastendes. Seither weiß ich: All jene, die ich heute bewundere, hatten Phasen, in denen sie nicht stark waren. Phasen, in denen sie am Boden zerstört, wütend und verzweifelt waren. Wahrscheinlich hatten all jene, die nach außen hin so übermenschlich erscheinen, sogar tiefschwarze Momente, in denen sie gerufen haben: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Ganz so wie jener, den Gott von den Toten auferweckt hat.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Passions- und Osterzeit, in der Sie Ängste und Schwächen zulassen und auf die Kraft Gottes vertrauen dürfen!

Ihre Pfarrerin Katharina Eisenreich

"Ich glaube, hilf meinem Unglauben!"

© Thomas HenningerJohannes Jochemczyk
Johannes Jochemczyk

Neulich hatte ich wieder einmal das Vergnügen, ein junges Paar zu trauen. Das sind immer ganz besondere Momente voller Emotion. Ein einmaliger Tag. Gleichzeitig wurde auch das Kind des Brautpaares getauft. Wie bei jeder Taufe haben wir dazu als Gemeinde das Glaubensbekenntnis gesprochen.

Allerdings waren es nur wenige Gemeindeglieder, die in das gemeinsame Bekenntnis mit einstimmten. Der weitaus größere Teil der Festgemeinde schwieg. Ich war irritiert.

Im Nachhinein scheint es mir jedoch klar: Viele Menschen unserer Gesellschaft besuchen Gottesdienste nicht mehr regelmäßig. Man ist nicht mehr geübt in der christlichen Tradition, man vergisst schlicht die traditionellen Texte, die man vielleicht sogar einmal auswendig konnte.

Andererseits könnte dieses Schweigen auch Ausdruck dafür sein - und das wäre genauso zu bedauern - dass viele Menschen den Glaubensaussagen über Gott und Jesus, denen wir im Bekenntnis Ausdruck verleihen, einfach nicht mehr glauben oder nicht mehr glauben können.

Tatsächlich stellte das Magazin "Der Spiegel" im April dieses Jahres fest, dass nur noch 55 % der Deutschen an einen Gott (2005 waren es noch 65%) und nur (je nach Alter) 29%-40% der Befragten an ein Leben nach dem Tod glauben. Und nur 58% der evangelischen Befragten können mit der Auferstehung Jesu noch etwas verbinden, welche immerhin der Grund für das größte unserer christlichen Feste ist: Ostern. Ist also tatsächlich der christliche Glaube am verschwinden?

Ich denke nicht. In der Glaubensunsicherheit zeigt sich vielmehr, dass es eine große Herausforderung ist und immer schon war, Gott zu vertrauen! Einer Kraft, die man weder sehen noch schlüssig beweisen kann, sondern die sich nur im eigenen Erleben und Glauben zeigt.

Darum ist der Glaubenszweifel schon immer die zweite Seite der Glaubensmedaille gewesen. Dies zeigt sich in den Geschichten der Bibel von Anfang an. Z.B. bei Sara, der Frau des Abraham, der im hohen Alter durch einen Gottesboten ein Kind versprochen wird. So unglaublich scheint dieses Versprechen, dass sie daraufhin laut lachen muss - und dennoch bekommt sie ein Kind.

Ich denke aber auch an den Vater eines epileptischen Kindes, der in seiner Not damals Jesus aufsucht und ihn bittet, seinen Sohn gesund zu machen, ihn zu heilen. "Alles ist möglich, dem der da glaubt!", antwortet ihm Jesus darauf. Das sagt sich leicht. Aber Jesu Anspruch ist hoch. Er meinte ja einmal auch, wenn wir nur Glauben hätten wie ein Senfkorn, dann könnten wir Berge versetzen! Wobei dies unserer Erfahrung meist allerdings nicht entspricht. Der Vater des Kindes jedoch ist mutig und glaubensstark; andererseits ist er sich trotzdem nicht sicher, ob sein Glaube auch groß genug ist: "Ich glaube; hilf meinem Unglauben!" -mit diesen Worten bittet er Jesus um Hilfe.

Mir imponiert die Direktheit und Ehrlichkeit dieses Mannes. Großes Vertrauen spricht aus seinen Worten, gleichzeitig jedoch auch das Bewusstsein der eigenen Zweifel und Begrenztheit. Diese spricht er offen aus und bittet Jesus auch hier um Hilfe. Nicht nur die Heilung seines Kindes, sondern auch der Umgang mit den eigenen (Glaubens)unzulänglichkeiten liegt nun in Jesu Verantwortung.

Die Worte dieses Mannes aus Markus 9,24 sind die Jahreslosung für das Jahr 2020! Mögen sie uns in diesem kommenden Jahr begleiten und daran erinnern, dass wir uns immer voll Vertrauen und in unserer Begrenztheit Jesus zuwenden können.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein neues Jahr 2020 voll tragender Glaubenserfahrungen.

Ihr Pfarrer Johannes Jochemczyk

Meine liebste alte Dame

@ Thomas Henninger
Thomas Uecker

„Ich nenne zunächst, was ich von meiner liebsten alten Dame nicht behaupten will. Meine alte Dame ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie ist unter Menschen geboren und hat eine Menschen-geschichte. Meine alte Dame irrt sich gelegentlich, aber sie ist so charmant, dass ich ihr fast alle Irrtümer verzeihe. Meine alte Dame ist nicht streitsüchtig und behauptet nicht, neben ihr gäbe es keine anderen schönen alten Damen. Nun also die Alte bei ihrem Namen genannt: die Bibel.“ (Hessisches Pfarrblatt, Februar 2019, S. 4).

Mit diesen Sätzen, liebe Leserinnen und Leser, begann Fulbert Steffensky im vergangenen Jahr einen Vortrag in der Katholischen Akademie Rabanus Maurus in Frankfurt am Main. Und er erzählt in Folgenden mit viel Liebe, ja Zärtlichkeit von der Bibel als seinem vorrangigen Buch, von dem er mehr erwarte und mehr finde an Wahrheit und Schönheit als in anderen Büchern. Und er plädiert dafür, sie zu lesen.

„Meine schöne alte Dame will nicht aus der Ferne bewundert werden, (…) sie will mich besuchen, nach Möglichkeit täglich. Sie erträgt es auch, wenn sie nur einmal in der Woche kommen darf. Wenn es weniger als einmal im Monat ist, fängt sie an zu murren und sie verweigert mir ihren Trost und ihre Weisheit.“

Mich hat dieser Gedanke angeregt über das Lesen nachzudenken.
Wie schön und gut, dass wir lesen können - in der Bibel (und in anderen Büchern).
Wie schön und gut, dass der Buchdruck erfunden wurde.
Wie schön und gut, dass Martin Luther die Bibel übersetzt hat.

Bibel lesen – das bedeutete bis zur Reformation: Bibel vorgelesen bekommen. Auf Lateinisch meist.
Stellen Sie sich einmal vor, wie bedauerlich es wäre, wir bekämen einen Liebesbrief auf Lateinisch. Martin Luther übersetzte die Bibel ins Deutsche, denn sie sollte nicht länger nur von Profis und Priestern gelesen werden können.

Der Buchdruck und die Reformation brachten die Demokratie ins Lesen! Plötzlich waren die großen Geschichten zugänglich. Alle, die lesen konnten, konnten jetzt in ihrer Muttersprache lesen.

Und was lesen wir in der Bibel? Originelle Gedanken, die mehr wissen als wir. Zeilen, die über uns hinaus reichen. Worte voller Gottvertrauen, die uns tragen können.
Diese Worte erzählen von Auferweckung, wo unsere Erfahrung nur bis zum Tod reicht.
Diese Worte mahnen eindringlich zum Frieden, wo wir schnell denken, es gebe zum Krieg keine Alternative. Diese Worte werben ausdauernd um die Liebe, wo ich denke, es reicht, dass ich mir Mühe gebe.

Die Bibel ist eine Autorität, aber keine, die einfach autoritär einen Text diktiert, uns ihre Meinung aufdrückt. Sie ist eine echte Autorität, die es riskieren kann, in den Dialog zu gehen.
Bibel-Lesen ist ein Gespräch zwischen Text und uns.
Und wir bringen mit unserem Leben den Text zum Sprechen. Die Gegenseitigkeit ist wichtig.
Die Bibel hat keine leeren Seiten.
Und wir sind auch keine unbeschriebenen Blätter.
Wir sind beschrieben mit unserer Geschichte.
Wir haben unsere eigenen Worte.
Aber die Bibel erzählt uns ihre Geschichte. Sie widerspricht, lockt, sie unterbricht, ermutigt, wirbt, deckt auf, deckt zu, lädt ein, öffnet, schenkt.

Läuft alles normal, lernen wir heutzutage hier bei uns Lesen und Schreiben in der Grundschule. Aber: Etwa 16% der erwachsenen Weltbevölkerung sind Analphabeten. Es ist also ein Privileg, lesen zu können! Nicht selbstverständlich.
Großartig, wenn man es kann!

Daher: Bitte lest! Bitte schreibt. Ihr Eltern und Großeltern und Paten, lest Euren Kindern Geschichten vor. Ihr alle, lest, erzählt weiter und weist Euch hin auf die guten Erzählungen. Verleiht und verschenkt Bücher, denn damit legt man sich einen Fundus an. Wirklich.

Wer wären wir ohne Bücher? Ohne dieses Buch, die Bibel? Ohne unsere liebste alte Dame!

Mit herzlichen Grüßen Ihr Pfarrer Thomas Uecker

top